_Wissenschaft

Wissenschaft trifft Praxis: Sport in der Schwangerschaft

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Prof. Dr. Birgit Schulte - Frei hielt auf den pt HOLIdays zur therapie on tour in Bochum vom 28. bis 29. September 2018 einen Vortrag über sportartspezifische Aspekte und deren Auswirkung auf den Beckenboden während der Schwangerschaft. Hier finden Sie die Zusammenfassung mit Interview.

Effekte von Sport in der Schwangerschaft

Gesundheitsbewusstes Verhalten während der Schwangerschaft nimmt einen zunehmend größeren Stellenwert im Bewusstsein Schwangerer ein. Dies gilt auch für sportliches Handeln. Während die diversen positiven Effekte von Sport vielfach belegt sind, existieren noch keine Erkenntnisse zu den Auswirkungen auf den Beckenboden der Schwangeren.

Sport im allgemeinen kann sich, je nach Sportart und Intensität, sowohl positiv, als auch negativ auf die Funktionalität des Beckenbodens auswirken. Hieraus resultieren Unsicherheiten in der Beratung von Schwangeren bezüglich empfehlenswerter körperlicher Aktivitäten. Aufgrund unterschiedlicher Empfehlungen und einem Mangel an klaren Definitionen in Informations- und Aufklärungsmaterialien wird diese Wissenslücke mit Fehlannahmen und Gerüchten gefüllt. Ziel ist es folglich, diese Lücke zu schließen.  In ihrer Gesamtheit können daraus Empfehlungen für prepartale, sportliche Betätigungen abgeleitet werden.

Im Rahmen des methodischen Vorgehens wurden die Ergebnisse aus dem Systematischen Review zum Leistungssport, in welchem vier Ursachen für das Zustandekommen von Beckenbodendysfunktionen herausgearbeitet wurden (Struktur, Trainingsintensität, psychische und hormonelle Faktoren) auf schwangerschaftsbedingte Veränderungen des Beckenbodens übertragen.

Eine Übertragbarkeit war aufgrund großer Schnittmengen möglich. So zeigte sich, dass neben hormonellen Veränderungen, welche die strukturelle Gewebekonstitution beeinflussen (beispielsweise Relaxin), auch psychische Faktoren und die sich dynamisch verändernde Statik einen großen Einfluss auf die Funktionalität des Beckenbodens haben. Aufgrund von veränderter Muskelfunktion und Organlage, sowie unregelmäßig zunehmendem Körpergewicht veränderte sich auch die Belastungsintensität beim Sport, was wiederum die Wahrscheinlichkeit einer Beckenbodendysfunktion erhöht.

Unter Betrachtung sämtlicher Faktoren aus beiden Forschungsgebieten konnten Empfehlungen zur körperlichen Betätigung während der Schwangerschaft erarbeitet werden. Es zeigte sich, dass insbesondere sportliche Aktivitäten mit stoßarmen Belastungen gewählt werden sollten. Die Wahl einer adäquaten, sportlichen Belastung ermöglicht eine Ausschöpfung der allgemeinen positiven Effekte. Unter Berücksichtigung der Empfehlungen ist es möglich Beckenbodendysfunktionen zu vermeiden. Darüber hinaus könnte sich ein solches Training präventiv auf Beckenbodendysfunktionen auswirken.

 

Ausblick: die nächsten pt HOLIdays planen wir bereits zur therapie Leipzig vom 7. bis 9. März 2019: https://www.therapie-leipzig.de

pt online 09.11.2018


Literatur

Schulte-Frei B, Jäger L. 2018. Inkontinenz im Leistungssport – ein systematischer Review [in press]

Schulte-Frei B, Jäger L. 2016. Ausgewählte Themen zu Sport und Schwangerschaft – Vertiefungsthema: Beckenboden. In Sport in der Schwangerschaft – Leitfaden für die geburtshilfliche und gynäkologische Beratung. ed. M. Sulprizio, J. Kleinert. Berlin: Springer

Oxlund BS, Ørtoft G, Brüel A, Danielsen CC, Oxlund H, et al. 2010. Cervical collagen and biomechanical strength in non-pregnant women with a history of cervical insufficiency. Reprod. Biol. Endocrinol. 8:92

Autor

Birgit Schulte - Frei

​Prof. Dr.; Physiotherapeutin; Dipl. Sportwiss.; Promotion im Bereich der Sportwissenschaften; Dekanin an der Hochschule Fresenius, Fachbereich Gesundheit und Soziales.

schulte-frei@hs-fresenius.de ​

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