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„Zwei Drittel der Therapeuten erwarten eine Rente unterhalb der Grundsicherung“

Über die „Therapeuten am Limit“, einen Brandbrief und Altersarmut. Im Gespräch mit Volker Brünger

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Die Vergütung ist nicht nur eine Vergütung. Sie ist auch maßgeblich für die Höhe der zukünftigen Renten. Ein Teufelskreis. Die Physiotherapeuten und Blogger von „physioversorgung“ engagieren sich. Sie unterstützen die Protestradtour von Heiko Schneider und wollen herausfinden, wie hoch die zukünftigen Therapeuten-Renten sein werden. Oder wie niedrig.

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Volker, wie ist dein physiotherapeutischer Hintergrund?

Ich habe 1993 mein Staatsexamen gemacht, danach in verschiedenen Praxen und Kliniken gearbeitet und war zuletzt 14 Jahre lang selbständig.

Du betreibst zusammen mit Jens Uhlhorn den Blog „physioversorgung“. Was ist euer Anliegen?

Jens und ich haben uns über Facebook kennengelernt und über Daten zum Fachkräftemangel ausgetauscht. Uns wurde relativ schnell klar, dass der bereits bestehende Mangel allein in Verbindung mit der demografischen Entwicklung und rückläufigen Schülerzahlen die Versorgung vor große Probleme stellen wird. Rechnet man dann noch die anhaltende Flucht aus den Berufen dazu, wird schnell deutlich, dass selbst eine Vergütungssteigerung um 30 Prozent und eine kostenfreie Ausbildung den Fachkräftemangel nicht auffangen kann und die Patientenversorgung nur durch Veränderungen in der Versorgungsstruktur sichergestellt werden kann. In unserem Blog greifen wir Themen auf, die die Versorgung beeinflussen, oft geht es dabei allerdings eher um Barrieren und Hindernisse. Wir wollen die Kolleginnen und Kollegen anregen sich mit diesen Themen zu befassen, Hintergrundinformationen liefern und allgemein das Interesse an berufspolitischen Themen wecken.

Viele Kollegen organisieren sich nicht mehr in Verbänden. Es gibt zur Zeit einige Zusammenschlüsse oder Bewegungen, die berufspolitische Inhalte formulieren. Wo oder wie ordnet ihr euch da ein?

Kürzlich fragte mich jemand, ob ich mich als Aktivist bezeichnen würde. Das könnte eine zutreffende Beschreibung sein. Vielleicht sind wir auch nur zwei Halbverrückte, die für die Themen rund um die Heilmittelversorgung brennen und einfach mal etwas unternehmen ohne zu lange darüber nachzudenken. Wir hatten die Aktion „Therapeuten für Kühne“, jetzt unterstützen wir Heiko Schneider mit „Therapeuten am Limit“.  Diese Aktion entstand recht spontan, nachdem Heiko als Reaktion auf seinen Brandbrief (1) hunderte von Zuschriften von Kolleginnen und Kollegen aus allen Heilmittelberufen bekommen hat. Wir waren beeindruckt von der Offenheit mit der die Probleme an der Basis geschildert wurden und es gab keinen Zweifel, dass dies der Politik und den Kostenträgern mitgeteilt werden muss. Somit war die Idee einer Protestfahrt geboren.

Mit Michel Wallner und Michael Schiewack  konnten wir dann noch zwei echte Profis ins Team holen, die uns bei der Organisation tatkräftig unterstützen. So konnte es gelingen innerhalb von nur drei Wochen diese Aktion zu stemmen. Wir sind der festen Überzeugung, dass solche Aktionen von Einzelnen, die von der Basis massiv unterstützt werden, enorm wichtig für die Entwicklung der Berufe sind. Letztlich werden dadurch auch die Verbände motiviert ihr Handeln zu hinterfragen und möglicherweise neue Strategien zu entwickeln. Dazu braucht es immer einen kritischen Dialog, den wir ja auch mit unserem Facebook-Forum „Heilmittelerbringer in Deutschland“ oder dem  Blog „physioversorgung“ anregen wollen.

Aktuell führt ihr eine Umfrage zum Thema „Altersarmut von Therapeuten“ durch. Warum? Wie stellt sich die Situation für euch dar?

Die Zuschriften, die Heiko aus ganz Deutschland bekommen hat, haben sehr häufig auch die Angst vor der Altersarmut beschrieben. Ich bin ein großer Fan von Online-Umfragen, da diese relativ schnell und kostengünstig einen Überblick über ein spezielles Thema geben können. Dank der Kolleginnen und Kollegen haben wir sehr viele Teilnehmer verzeichnen können. Wir führen regelmäßig Zwischenabfragen durch, die einfach eine prozentuale Übersicht der Antwortmöglichkeiten liefern. Dadurch lassen sich Datentrends ableiten, die zum Beispiel Hinweise auf die Datenqualität liefern. Bei 3.000 Datensätzen haben wir jetzt noch einmal eine Zwischenabfrage durchgeführt. Die Situation stellt sich dramatisch dar, anders kann man es nicht bezeichnen. Zwei Drittel der Therapeuten erwarten eine Rente unterhalb der Grundsicherung, sind im Alter also definitiv auf staatliche Unterstützung angewiesen. Schon jetzt mit der Zwischenauswertung konnten wir Politiker und Sozialverbände für das Thema sensibilisieren.

Welche weiteren Projekte plant ihr?

Uns ist es wichtig, dass gerade jetzt die Aktion „Therapeuten am Limit“  nachhaltig ist. Wir werden zum Beispiel mit Einverständnis der Kolleginnen und Kollegen die Zuschriften für qualitative Forschungsprojekte zur Verfügung stellen. Wir werden Heiko jetzt im Juni zu vielen Gesprächen in Berlin begleiten und daraus Folgeaktionen ableiten. Wir wollen uns ja nicht nur mit Keksen vollstopfen und den Bundestag besichtigen. Ganz sicher werden wir das Instrument der Online-Befragung noch häufiger nutzen. Mehr kann ich noch nicht verraten.

Zur Umfrage: https://www.surveymonkey.de/r/QLN6V3D

Weitere Infos: https://bruenger4.wixsite.com/physioversorgung

http://therapeuten-am-limit.de

Gesprächspartner

Volker Brünger

Foto: Volker Brünger

Physiotherapeut, Gesundheitsökonom (B. A.); 18 Jahre selbstständige Tätigkeit als Physiotherapeut; Fördermitglied unter anderem beim Bund vereinter Therapeuten (BvT); gemeinsam mit Jens Uhlhorn Betreiber des Blogs „physioversorgung”; Interessenschwerpunkte: zukünftige Versorgungskonzepte und die Etablierung eines modernen Berufsrechts. Kontakt: bruenger@teleos-web.de

Das Gespräch führte Jörg Stanko.

pt online 17.5.2018

Literatur

1) Therapeuten am Limit / Heiko Schneider. 2018. Brandbrief von Heiko Schneider an das Bundesministerium für Gesundheit vom 23.03.2018. http://therapeuten-am-limit.de/der-brandbrief/; Zugriff am 16.5.2018

Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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